Christian Tiffert: „Die MLS ist keine Operettenliga“


Die USA gilt bekanntlich im Volksmund als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In jeglicher Hinsicht, denn auch fußballerisch versuchen altgediente Bundesligastars häufig Erfahrungen in der nordamerikanischen Profiliga MLS zu sammeln und können sportlich das Niveau deutlich anheben, da die Qualität mit der deutschen Bundesliga nicht unbedingt zu vergleichen ist. Auch der ehemalige Kaiserslautern-Profi Christian Tiffert hat sich für ein Engagement bei den Seattle Sounders entschieden. Das Halbfinale der Major League Soccer ist gegen L.A. Galaxy mit dem Superstar David Beckham verloren gegangen worden. Stattliche 43.000 Zuschauer im Durchschnitt haben sich für die Spiele der Sounders interessiert. Nun äußert sich der 30-jährige Tiffert im Gespräch mit „DFB.de“ über einen hochinteressanten Lebensabschnitt.

Der Stellenwert von „Soccer“ steigt immer weiter an, denn nach American Football, Baseball, Basketball und Eishockey konnte die einst unbekannte Sportart in den Vereinigten Staaten immerhin auf dem fünften Platz der wichtigsten Profisportarten vorrücken. Es gibt interessante Informationen durch Tiffert zu verbreiten, denn auch für den langjährigen Bundesligakicker ist diese Erfahrung überaus aufregend. Über das Halbfinal-Ausscheiden gegen den Titelverteidiger Seattle Sounders berichtet der technisch starke Mittelfeldspieler: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Seattle Sounders haben wir die erste Playoff-Runde überstanden. Und gegen L.A. Galaxy waren wir knapp dran. Beim Rückspiel in Seattle lagen wir 2:0 vorne, dann gab es einen umstrittenen Elfmeter. Gegen diesen erfahrenen Gegner mit Landon Donovan, David Beckham und Robbie Keane fiel es uns schwer, noch mal etwas zu drehen. Entscheidend war letztendlich die Hinspielniederlage in Carson, das 0:3 dort. Gerade offensiv ist L.A. Galaxy eine stark besetzte und sehr effektive Truppe, die jeden Fehler ausnutzt.“ Es ist bekannt, dass auf Seiten von Galaxy ein gewisser David Beckham mitgespielt hat. Dennoch stellt dies für Tiffert kein Problem dar, wie er „DFB.de“ verraten hat: „Ich habe auch schon gegen andere große Fußballer gespielt. Ehrfürchtig war ich nicht. Aber er hat wirklich einiges dafür getan, den Fußball in den USA populär zu machen. Und er ist sicher nicht nur ein Werbeträger. Beckham liefert dort guten Fußball ab.“
Für einige Experten kam der Wechsel von Deutschland in die USA sehr überraschend, da Tiffert über zehn Jahre in der deutschen Bundesliga eine wichtige Figur gewesen ist und besonders in der Spielzeit 2010/11, wo er mit seinem 1. FC Kaiserslautern völlig überraschend den siebten Tabellenplatz belegt hat, eine dominante Rolle in der deutschen Eliteklasse übernehmen konnte. Im Sommer hat es Tiffert also in die MLS gezogen. Über die Gründe für seinen
Wechsel erklärt er: „Zunächst einmal, dem Verein zu helfen. Und dann wollte ich diese Erfahrung machen. Ich bin 30 Jahre alt, habe lange Jahre in Deutschland gespielt, jetzt war ein guter Zeitpunkt für den Wechsel in die USA. Während meiner Jahre in Kaiserslautern haben wir zwei Kinder bekommen, ich habe lange mit meiner Frau geredet, ob wir wirklich die Zelte abbrechen sollen. Heute weiß ich, das war genau die richtige Entscheidung. Meine Tochter hat einen Englischsprachigen Kindergarten besucht. Das war auch eine tolle Erfahrung, wie der kleine Mensch plötzlich immer mehr Worte in einer Fremdsprache kennt.“
Sicherlich ist neben den sportlichen Komponenten auch der Lebensstil wahrlich nicht zu unterschätzen. Über Seattle als Stadt weiß er folgendes zu berichten: „Die Stadt ist sehr europäisch, gar nicht wie New York oder Chicago, wo downtown ein hohes Haus neben dem anderen steht. Seattle ist ganz grün, die Landschaft ist sehr schön, es locken rundum die Berge und viele Seen. Der Bundesstaat Washington wird zurecht „Evergreen State“ genannt.“ Der meinungsfreudige gebürtige Hallenser gibt jedoch auch ganz offen zu, was ihm an seiner neuen Heimat nicht gefällt: „Ich habe das deutsche Fernsehen vermisst. Die Bundesliga lief leider nicht im Fernsehen, und um ein Champions-League-Spiel zu sehen musste ich mich aufgrund des Zeitunterschiedes mittags um 12 Uhr vor den Fernseher setzen. Das hat nicht so wirklich Flair.“ Sportlich hat er durchaus ein ansprechendes Niveau erkennen können: „Die MLS ist sicher keine Operetten-Liga. Man wird jede Woche gefordert. Die Schiedsrichter lassen sehr viel laufen. Es wird teilweise mit offenem Visier gekämpft, es kommt also zu vielen Torchancen. Die Zuschauer erleben meistens sehr unterhaltsame Spiele.“
Die Entwicklung ist nach seinen Angaben in den letzten Jahren durchaus gestiegen. Dies macht er deutlich, wenn er erklärt: „Ich will hier nicht wirklich Vergleiche ziehen. Das ist nicht Bundesliga, 2. oder 3. Liga, es ist die MLS. Aber dieses Vorurteil, die MLS sei eine Liga in der 35-Jährige noch mal abkassieren, stimmt so nicht mehr. Das Niveau ist extrem gestiegen, gerade auch durch Zugänge wie Beckham oder Keane.“ Zugleich ist er zu einem echten Publikumsliebling mutiert, als er im Viertelfinale der Play-offs gegen Salt Lake City mit einer klaffenden Kopfwunde weiter gespielt hat. Dazu meint der zweikampfstarke Tiffert: „Ich habe ja gesagt, die Schiedsrichter lassen alles weiterlaufen. Es ist schon ein sehr körperbetonter Fußball. Das wurde getackert und weiter ging’s. Ein klarer Ellenbogen-Check gegen den Kopf, aber es gab nicht mal einen Freistoß. In fünfzehn Spielen hatten wir immerhin fünf Spieler mit einer Platzwunde. Soviel dazu. Das ist einfach die MLS.“
Tiffert hat bei zuschauerträchtigen Vereinen wie Stuttgart und Kaiserslautern in der Bundesliga gespielt. In Seattle darf er sich über den höchsten Zuschauerschnitt der gesamten MLS freuen. Der „Instinktfußballer“ sieht dies durchweg positiv: „Wir hatten 43.000 Zuschauer pro Heimspiel, zweimal war unser CentruyLink Field mit 69.000 Zuschauern komplett ausverkauft. Die Stadt ist durchaus Fußballverrückt. Das hat es mir auch einfach gemacht, mich in Seattle heimisch zu fühlen. Zu uns kommen alle querbeet – durchaus mexikanische Migranten, aber auch Amerikaner ohne eine Einwanderungsgeschichte. Die Atmosphäre im Stadion ist sehr familiär. Vor jedem Spiel musiziert eine Blaskapelle, und wenn wir mal nicht so gut gespielt haben, kann man trotzdem gemütlich nach Hause laufen.“
Tiffert macht sich über viele Sachen rund um den Fußball Gedanken, da er sich für viele Bereiche auch enorm interessiert. Deshalb hat er auch eine klare Meinung zum neu aufkeimenden Thema der Fangewalt im deutschen Fußball: „Gewalt im Stadion ist in den USA zumindest beim ‚soccer’ ein ‚no go’ Man kann ja euphorisch sein, mit Herzblut mitfiebern, aber hier in Deutschland nimmt es doch über Hand. Wollen wir in Deutschland irgendwann italienische Verhältnisse bekommen, wo aufgrund der Aggression in den Stadien der Fanzuspruch stark rückläufig ist? Das macht doch keinem mehr Spaß.“
Mit Sigi Schmidt arbeitet ein Landsmann von Tiffert in Seattle. Durch seine langjährige Erfahrung als Bundesligakicker hat Tiffert schon unter solch renommierten Trainern wie Felix Magath, Matthias Sammer und Giovanni Trapattoni gearbeitet. Über seinen Übungsleiter bei Seattle sagt er: „Ein sehr gelassener, aber er kann auch laut werden. Er bringt viel Erfahrung mit, hat auch schon mit anderen Klubs Erfolge in der MLS gefeiert. Das Training von ihm ist abwechslungsreich, und obwohl er auch Deutscher ist, reden wir im Training nur Englisch. Das passt auch, ich will keine Ausnahmeregelung.“ Auch der Sounders-Boss Paul Allen hat ein großes Herz für den Verein, wie Tiffert bestätigen kann: „Bei den Playoff-Spielen war er immer im Stadion. Sein Interesse am Klub spüren wir alle.“
Einige Fußballexperten in Deutschland sind der festen Überzeugung, dass Tiffert deutlich mehr aus seiner Karriere hätte machen können. Immerhin spielte er in einem äußerst starken U21-Nationalteam bei der Europameisterschaft 2004 in Deutschland. Für ihn stellt dies jedoch keine ständige Erinnerung dar: „Ich denke nicht so oft über vergangene Zeiten nach. Ab und zu spricht man vielleicht darüber, aber wirklich nicht so oft.“ Zurückschauen passt nicht zum Charakter von Tiffert. Vielmehr sagt er gegenüber „DFB.de“, welche Ziele er sich für die Zukunft gesteckt hat: „Ich habe für die nächste Saison einen Vertrag bei den Seattle Sounders, aber ganz ehrlich, man weiß doch im Sport nie genau, was kommt. Ich würde gerne noch ein Jahr in der MLS spielen. Ich konnte die Sache gut gestalten, es ist ja nicht leicht, mitten in der Saison in eine Mannschaft zu kommen. Mitte Januar fliege ich wieder nach Seattle. Und ich freue mich darauf.“


Quelle: dfb.de
Autor: Henning Klefisch
Schlagworte: Christian Tiffert; Seattle Sounders; Robbie Keane; David Beckham; L.A. Galaxy
Datum: 29.11.2012 17:51 Uhr
Url: http://www.3-liga.com/news-fussball-christian-tiffert--„die-mls-ist-keine-operettenliga“-3033.html
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